Jugendstudie 2016

Die heutige Jugend ist die prekäre Generation der Rentenreform

Die Generation Y, ihre Wünsche und Zukunftsplanungen sind ein viel diskutiertes Thema. Die MetallRente-Studie „Jugend, Vorsorge, Finanzen 2016“ bringt einen wichtigen Aspekt in den gesellschaftlichen Diskurs ein: Die aktuelle Untersuchung, die zur Halbzeit der Rentenreform vorliegt, fragt junge Leute im Alter zwischen 17 und 27 Jahren zu ihren Vorstellungen für die persönliche Zukunft, nach ihrem Vorsorgeverhalten und ihren Einstellungen zum Rentensystem.

Die heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind die erste Generation, die von der weitreichenden Rentenreform der vergangenen Jahre in vollem Umfang erfasst wird. Sie können sich erheblich weniger auf wohlfahrtsstaatliche Leistungen zur Alterssicherung verlassen als jede Generation vor ihnen. Ohne frühzeitige private Altersvorsorge droht ihnen nach dem Erwerbsleben das Abrutschen in die Altersarmut. Und da das Sparen fürs Alter abnimmt - auch das ein Ergebnis der Studie -, wird die Armut im Rentenalter ein ganz reales Szenario. Politisches Eingreifen wird deshalb immer dringender und notwendiger.

Schon die beiden Vorläuferstudien zeigen, die Jungen sind zwar grundsätzlich bereit, für das Alter vorzusorgen, aber nur eine Minderheit verfolgt tatsächlich auch tragfähige Strategien. Es fällt vielen jungen Erwachsenen in Deutschland schwer, das sogenannte Drei-Säulen-Modell - die Mischung aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge - zu verstehen. Auch die aktuelle Untersuchung macht das noch einmal deutlich. Sie belegt, dass es der Generation Y an finanzieller und wirtschaftlicher Kompetenz fehlt.

Damit wird nun ein klarer Trend sichtbar: Es bedarf zum einen gezielter Verbesserungen der Informations- und Bildungsangebote. Zum anderen muss das System der Alterssicherung einfacher und verbindlicher werden. Nur dann wird nach den vorliegenden Ergebnissen die junge Generation konstruktiv darauf eingehen. Zurzeit folgt jede der drei Säulen ihrer eigenen schwer durchschaubaren Logik. Außerdem sind die jeweiligen Angebote nicht aufeinander abgestimmt.

Die Studie befasst sich erstmals auch mit Wegen, die Jugendlichen einen hinreichend starken Stupser (Nudging) in Richtung mehr Vorsorge geben können. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die junge Generation manche Nudges - etwa Spar-Automatismen - mehrheitlich befürwortet.

In einem zweiten Teil blickt die Studie über den deutschen Tellerrand hinaus. Europäische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen in ihren Beiträgen die Rentensysteme und Reformanstrengungen anderer Länder. Dabei wird deutlich: Nicht nur in Deutschland ist die nachhaltige Alterssicherung in Gefahr ... aber erfolgreiche Reformen sind machbar!

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Die 10 wichtigsten Fakten

#1 Die Mehrzahl der jungen Leute ist optimistisch, wenn sie an ihre eigene Zukunft denkt. 2016 gehen 73 Prozent von einer guten persönlichen Entwicklung aus („sehr gut“ 22 %). Damit steigerten sich die positiven Erwartungen gegenüber den letzten Studien. Auch die Entwicklung Deutschlands beurteilt die junge Generation zunehmend positiv: 48 Prozent schätzen sie aktuell als gut ein („sehr gut“ 5 %). 2010 lagen diese Zahlen noch bei 37 („gut“) und 1 Prozent („sehr gut“).

#2 Die junge Generation hat im Vergleich zu der Befragung 2013 weniger Angst um die deutsche Wirtschaft. So glauben nur 26 Prozent „voll und ganz“ („eher“ 34 %), dass die Wirtschaft durch verschuldete Euro-Länder gefährdet ist. 2013 lagen diese Werte noch bei 34 bzw. 43 Prozent. Trotz Krise haben 22 Prozent „voll und ganz“ („eher“ 39 %) Vertrauen in den Euro. Auch diese Werte entwickelten sich im Vergleich zu 2013 positiv.

#3 Die Generation Y zweifelt immer mehr an der privaten Vorsorge. So stimmen nur 23 Prozent „voll und ganz“ („eher“ 40 %) der Aussage zu, dass man von einer privaten Vorsorge mehr erwarten kann als von der staatlichen Rente. 2010 waren es 31 bzw. 46 Prozent.

#4 Bei jungen Frauen sinkt die Angst vor Altersarmut. So haben aktuell nur 34 Prozent der Frauen „voll und ganz“ („eher“ 27 %) Angst davor. 2010 lagen diese Werte noch bei 47 bzw. 24 Prozent. Nur 27 Prozent der jungen Männer teilen diese Angst „voll und ganz“ („eher“ 23 %). Diese Werte sind im Vergleich zu den vergangenen Studien relativ konstant.

#5 Das Sparverhalten der jungen Leute ist stabil. Allerdings haben sich die Gründe dafür verschoben. 54 Prozent sparen regelmäßig und 30 Prozent ab und zu (2010: 53 % / 31 %). Die Sparer legten zum Beispiel mit 64 Prozent vermehrt Geld für eine Urlaubsreise zur Seite. (2010: 56 %). Auch die Bereitschaft, für Ausbildung und Studium zu sparen, war höher (2016: 42 % / 2010: 39 %). Nur 35 Prozent aller Jugendlichen sparen regelmäßig für ihre Altersversorgung (2010: 38 %). 49 Prozent sparen überhaupt (regelmäßig oder ab und zu) für das Alter (2010: 55 %). Unter denen, die sparen, (16% sparen überhaupt nicht), sind es 58 Prozent (2010: 66 %).

#6 Die betriebliche Altersversorgung wird beliebter. Ihr Anteil stieg von 31 Prozent (2010) auf 40 Prozent (2016). Dagegen nutzen weniger junge Leute Riester-Produkte oder private Renten- bzw. Lebensversicherungen. So sank allein der Anteil der Altervorsorgesparer, die „riestern“, von 50 Prozent im Jahr 2010 auf 42 Prozent 2016.

#7 Die junge Generation will das Leben zunächst genießen und spart deswegen weniger für das Alter. So stieg der Anteil der jungen Sparer, die das „voll und ganz“ so sah, von 45 Prozent im Jahr 2010 auf 50 Prozent im Jahr 2016. Die Gruppe, die „voll und ganz“ kein oder kaum Geld für die Altersvorsorge hat, verringerte sich dagegen (2016: 38 % / 2010: 42 %). Insbesondere bei Frauen sinkt die Bereitschaft, für das Alter zu sparen (2016: 49 % / 2010: 57 %).

#8 Die betriebliche Altersversorgung ist deutlich bekannter als die RiesterRente: 39 Prozent könnten die bAV einem Freund erklären. Aber nur 27 Prozent trauen sich aktuell zu, die Riester-Förderung zu beschreiben. Das ist ein historisches Tief.

#9 Der Informationsbedarf in Sachen Altersvorsorge ist bei der jungen Generation groß. Aktuell wünschen sich 91 Prozent jährliche Informationen über ihre Ansprüche. Sie betonen aber zu 81 Prozent, dass diese verständlicher sein müssten. Nur zehn Prozent verfügen ihrer Meinung nach über zu viel und nicht über zu wenig Informationen.

#10 Die jungen Leute könnten sich mit automatischen Sparregelungen anfreunden. 65 Prozent würden dem zustimmen. Wenn so eine Sparregel mit einer Ausstiegsmöglichkeit und einer Bezuschussung kombiniert wird, steigt die Zustimmungsrate sogar auf 89 Prozent.

5 notwendige Konsequenzen in Sachen Rente

#1 Die zusätzliche Altersvorsorge darf nicht mehr auf die Grundsicherung im Alter angerechnet werden. Nur so lohnen sich Eigenvorsorge sowie betriebliche oder tarifliche Leistungen. Der Staat darf nicht auf Altersersparnisse zugreifen.

#2 Der Gesetzgeber sollte Personen mit längerer Ausbildung oder unterbrochenen Erwerbsverläufen nicht mehr benachteiligen, sondern die Förderung auf das gesamte Erwerbsleben beziehen. Niedrigere Verdienste sollten überproportional berücksichtigt werden. Zur Planungssicherheit benötigen Arbeitnehmer und Arbeitgeber einen jeweils eigenen steuerlichen Förderrahmen.

#3 Die Administration der Betriebsrente sollte sich für Arbeitgeber vereinfachen. Dazu gehört es, die Haftungsrisiken für Unternehmen zu minimieren, ohne die Verlässlichkeit für die Beschäftigten zu schmälern. Zurzeit stellt die durch den Förderrahmen steuerlich erzwungene Komplexität für kleine und mittlere Unternehmen ein Hindernis zur Teilnahme an der bAV dar. Gerade dem Mittelständler, der solche Dinge möglichst einfach organisieren möchte, sollte es der steuerliche Rahmen erleichtern, Betriebsrenten für alle Einkommensgruppen anzubieten ... und zwar mit nur einem Modell.

#4 Die Beitragslast auf Betriebsrenten muss gerechter werden. Die Betriebsrenten werden seit 2004 mit vollen Beiträgen zur Kranken- und Pflegeversicherung belastet – eine gravierende Änderung der ursprünglichen Förderung. Die beschädigte Symmetrie von jetzt vorgelagerter Entlastung und nachgelagerter Belastung muss wieder hergestellt werden.

#5 Das Finanz- und Wirtschaftssystem gehört in den Bildungskanon. Junge Menschen müssen es durchschauen können und eine ausreichende Wissens-Basis für ihre eigenen finanziellen Entscheidungen bekommen.

Interview mit Klaus Hurrelmann und Christian Traxler

"Die Politik ist gefragt!"

Die Politik sollte jetzt die Weichen stellen, um die junge Generation vor Altersarmut zu schützen: Darin sind sich der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Klaus Hurrelmann und der Ökonom Prof. Dr. Christian Traxler einig. Die beiden Mitherausgeber der Studie lehren und forschen an der Hertie School of Governance Berlin. MetallRente sprach mit ihnen.

Welche Ergebnisse haben Sie am meisten erstaunt?

Traxler: Auch 15 Jahre nach der Rentenreform hat sich noch keine Kultur zusätzlicher Vorsorge in Deutschland entwickelt. Das Gegenteil ist der Fall: Die Tendenz geht bei der jungen Generation sogar in die entgegengesetzte Richtung.

Hurrelmann: Dem stimme ich zu. Doch zugleich erstaunt mich der Realitätssinn der jungen Leute. Es ist ihnen klar, dass die aktuellen Vorsorge-Angebote kein angemessenes Leben im Alter sicherstellen.

Welche Erklärung haben Sie für das Vorsorgeverhalten der jungen Generation?

Traxler: Die jungen Leute sind mit der Altersvorsorge überfordert. Das hängt sicher mit der Tatsache zusammen, dass diese Entscheidungen äußerst komplex sind ... zumal sich die Jugendlichen einer schwer vorhersehbaren Zukunft gegenübersehen. Zugleich zeigt sich eine starke Gegenwartsfixierung. Junge Menschen sind vor allem mit der unmittelbaren Erfüllung akuter Bedürfnisse beschäftigt.

Hurrelmann: Diese Gegenwartsbezogenheit ist absolut nachvollziehbar. Denn die jungen Leute entscheiden sich für Dinge, die ihnen aktuell von Nutzen sind und nicht für etwas, von dem sie nicht wissen, ob es ihnen später tatsächlich hilfreich sein wird. Die Jugendlichen sparen aber nicht nur für den Konsum, sondern auch für Studium und Ausbildung. Ihnen ist klar, dass Bildung Vorteile am Arbeitsmarkt bringt und das Armutsrisiko senkt.

Klaus Hurrelmann

Die Studie belegt, dass die Generation Y in Sachen Altersvorsorge der Politik mehr Vertrauen entgegenbringt als privaten Akteuren. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Hurrelmann: Aus der Kenntnis der letzten Wirtschafts- und Finanzkrisen wissen die jungen Leute, wie unzuverlässig private Vorsorgeprodukte sind. Deshalb ist es eine ganz nüchterne und unideologische Erwägung, dass der Staat eher das Gemeinwohl im Sinne hat als Unternehmen.

Traxler: Die Skandale und Krisen der letzten Jahre haben dazu geführt, dass Banken und Versicherungen stark an Glaubwürdigkeit verloren haben. Dagegen ist das Image der Politik vergleichsweise stabil. Die Skandale dort haben die Gesellschaft bei weitem nicht so erschüttert wie etwa die Finanz- und Wirtschaftskrisen.

Wie deuten Sie die Zustimmung der jungen Leute zu einer automatischen Sparregelung?

Traxler: Die beinahe einhellige Zustimmung zu einer automatischen Default-Sparregel fand ich sehr überraschend. Es scheint so, als wünschen sich Jugendliche einen Automatismus, der ihnen eigenständige Entscheidungen zumindest teilweise abnimmt. Zu dieser Interpretation passt auch, dass das Meinungsbild zu Nudging differenziert ist. So lehnen die Befragten eine personalisierte Erinnerung an selbst gesetzte Sparziele ab. Sie wollen allem Anschein nach mit dem Thema nicht regelmäßig konfrontiert werden.

Hurrelmann: Hier wird die sehr pragmatische Einstellung der Generation Y sichtbar. Sie befürworten den sanften Paternalismus ... aber nicht in jeder Form: So begrüßen sie einen Automatismus, jedoch nicht die Aufforderung zur Eigeninitiative.

Christian Traxler

Was wird passieren, wenn es zeitnah keine weiteren Reformschritte bei der Altersvorsorge gibt?

Traxler: Ich bin mir sicher, dass sich der aktuelle Trend in der Zukunft fortsetzen wird und bei Jugendlichen die Aktivitäten für ihre Altersvorsorge nicht sprunghaft steigen werden. Damit steigt die Gefahr der Altersarmut. Allerdings ist diese Generation noch so weit von der Rente entfernt, dass sie auf die Politik in dieser Sache zurzeit noch kaum Druck ausübt.

Hurrelmann: Die Politik muss jetzt trotzdem handeln. Denn sonst ist es für die junge Generation zu spät. Dann ist sie objektiv von Altersarmut bedroht. Das ist keine Schwarzmalerei, sondern einfach eine Tatsache.

Welche Tipps geben Sie jungen Menschen, damit ihre Aussichten auf finanzielle Sicherheit im Alter steigen?

Traxler: Sie sollten sich eigenständig mit Finanz- und Kapitalmärkten beschäftigen. Ein Schulfach wie „Wirtschaft und Finanzen“ könnte sie hierbei unterstützen. Erspartes in breit diversifizierte, passive Indexfonds anzulegen, würde z. B. langfristig Sinn machen. Grundsätzlich bin ich aber pessimistisch, dass sich die breite Masse eigenständig um Altersvorsorge kümmert. Hier ist eindeutig die Politik gefordert.

Hurrelmann: Und damit die Politik sich bewegt, müssten sich die jungen Leute selbst politisch engagieren und ihre Vorstellungen offensiv vortragen. So wie heute kann es jedenfalls nicht weitergehen. Denn selbst, wenn jemand vorbildlich in alle drei Säulen der Altersvorsorge einzahlt, kann er am Ende nicht mit einem zufriedenstellenden Ergebnis rechnen. Das System führt die jungen Leute an der Nase herum.

Nudging/Nudge

Die Begriffe stehen im englischen für Stupsen/Schupsen oder Stups/Schubs. Darunter versteht man im Zusammenhang mit der Altersvorsorge einen wirksamen Stupser hin zur vermehrten Teilnahme an zusätzlicher – meist betrieblicher – Altersversorgung.

„Sanfter“ Paternalismus

Da der Stupser zwar in die gewünschte Richtung weist, aber zu nichts verpflichtet, spricht man von einem „sanften“ Paternalismus. Schließlich bleibt die individuelle Entscheidungsfreiheit unangetastet.

Default-Sparregel

Bei dieser Altersvorsorge zahlen die Beschäftigten automatisch („per default“) auf ein Rentenkonto ein ... es sei denn, sie entscheiden sich bewusst dagegen (per „Opt Out“).

Interview mit Heribert Karch

„Generationengerechtigkeit? Welche Generationengerechtigkeit?“

„Zu wenige Teilnehmer, zu wenig Geld und bald zu spät“: Auf diese Formel bringt Heribert Karch, Geschäftsführer der MetallRente, den Entwicklungsstand der zusätzlichen Altersversorgung. Er fordert durchgreifende Maßnahmen, ohne die das Scheitern der Rentenreform vorprogrammiert sei. Karch im Interview über notwendige Konsequenzen.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Studienergebnissen?

Karch: Vor 15 Jahren wurde die Reform eingeführt mit dem Argument, mehr Generationengerechtigkeit herzustellen. Der junge Mensch sollte im Umlagesystem weniger für den alten Rentner zahlen und stattdessen staatlich gefördert selbstverantwortlich für die eigene Rente vorsorgen. Obwohl er damit eigentlich entlastet werden sollte, ist das Ergebnis nun weniger Gerechtigkeit. Denn die Bereitschaft zur Vorsorge ist im Sinkflug, die Beteiligung an der privaten Riester-Rente sogar rückläufig. Wenn es eigenes Geld kostet, handeln die Menschen nun mal nicht automatisch im Sinne der Rentenreform. Die bAV wird zwar unter jungen Leuten immer beliebter. Dennoch konnte sich die zusätzliche Altersversorgung in der Generation Y nicht hinreichend durchsetzen. Damit wird sie von der vermeintlich gerechter behandelten zur prekären Generation der Rentenpolitik.

Welche Baustellen im Rentensystem muss der Gesetzgeber dringend angehen?

Karch: Das System verteilt Mittel wenig effizient. Die Staatsausgaben für die Altersversorgung in Deutschland befinden sich gemeinsam mit Polen, Spanien und Slowenien am Rande des oberen Drittels aller OECD-Staaten. Dennoch liegen die Lohnersatzraten - also das Verhältnis der Rente zum vorherigen aktiven Einkommen - in der Bundesrepublik am unteren Ende dieser Länder! Anstatt Generationengerechtigkeit haben wir Unsicherheit. Sogar ein Mensch, der im mittleren Einkommensbereich liegt, weiß oft nicht, ob er im Alter Rente oder Grundsicherung bekommen wird. Ihm droht damit die Anrechnung zusätzlicher Altersvorsorge auf die Grundsicherung. Dann macht das Alterssparen aber für viele kaum Sinn!

Heribert Karch

Die vorliegende Studie stellt verschiedene Reformansätze in einzelnen EU-Ländern vor. Kann Deutschland etwas aus diesen Lösungsansätzen für den weiteren Reformprozess lernen?

Karch: Alle Länder, die als erfolgreich gelten wie etwa Dänemark oder die Niederlande, haben einen Kern aus zwei Säulen: Staat und Betrieb. Die Teilnahme ist in diesen Ländern aber verbindlicher als in Deutschland. Einige nutzen auch ein sanftes Anschubsen, das Nudging, das in vielen Ländern erfolgreich angewandt wird.

Lässt sich die Nudging-Politik dieser Länder auf die aktuelle deutsche Situation übertragen?

Karch: Nein, jedenfalls nicht in der Fläche. Denn wir haben in der kapitalgedeckten Altersversorgung bereits eine sehr ausdifferenzierte Landschaft. Ein universelles Nudging wäre nur für einen Teil der Arbeitnehmer nützlich. Für den Teil, der bereits heute komplett in eine betriebliche Altersvorsorgung ohne Ausstiegsmöglichkeit einbezogen ist, wäre es sogar ein Rückschritt. Für einheitliche Modelle ist es zu spät. Machbar wäre aber eine sichere rechtliche Basis, die den Unternehmen und Tarifparteien - die es nützlich finden - eine automatische Teilnahme am Nudging ermöglicht.

Welchen konkreten Schritt schlagen Sie als Nächstes vor, um eine Reform der Reform einzuleiten?

Karch: Wir befinden uns in der Mitte des 30-jährigen Reformprozesses. Es ist an der Zeit, in einem Halbzeit-Gipfel mit allen Akteuren weitere Maßnahmen zu besprechen. Wenn man will, dass Tarifparteien mehr tun, muss man vor allem Hindernisse beiseite räumen und verbesserte Rahmenbedingungen schaffen. Dazu gehören die Vereinfachung der Förderung für Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie die Lösung gravierender Gerechtigkeitsprobleme.

Interview mit Monika Queisser

Die Altersvorsorge als Herausforderung in den OECD-Ländern

„Finanzielle Bildung ist wichtig für die Altersvorsorge“, betont die OECD-Rentenexpertin Monika Queisser. Sie leitet die Abteilung Sozialpolitik der OECD in Paris. MetallRente sprach mit ihr.

Was sind die gemeinsamen Herausforderungen aller OECD-Länder in Bezug auf die Altersvorsorge?

Queisser: Alle OECD-Länder sehen sich vor denselben Zielkonflikt gestellt: Angesichts einer alternden Bevölkerung gleichzeitig die finanzielle Stabilität und die soziale Nachhaltigkeit der Rentensysteme zu gewährleisten. Dazu sind in den letzten Jahren neue Probleme hinzugekommen: Viele OECD-Länder kämpfen noch immer mit hohen Arbeitslosenzahlen, insbesondere unter jungen Menschen. In Systemen, die auf Beitragszahlung basieren, belastet das die zukünftigen Renteneinkommen und erhöht das Risiko von Altersarmut. Im Bereich der privaten Altersvorsorge ist das anhaltend niedrige Zinsniveau eine gemeinsame Herausforderung.

Welche OECD-Länder sind bei der Altersvorsorge besser aufgestellt als andere?

Queisser: Die Beantwortung dieser Frage hängt von den Kriterien ab, nach denen die Altersvorsorge beurteilt wird. Je nachdem, ob man das Rentenalter, die Rentenleistung oder die Kosten des Systems betrachtet, wird das Urteil anders ausfallen. Einige Länder wie die Niederlande oder die Schweiz haben schon lange Mischsysteme, die eine eher niedrige gesetzliche Altersvorsorge mit betrieblicher und privater Vorsorge flächendeckend verbinden. Andere Länder wie etwa Österreich setzen vorwiegend auf eine gesetzliche Sicherung mit hohen Leistungen, was sich in den Kosten niederschlägt. In Deutschland ist das Rentensystem auf einen finanziell nachhaltigen Pfad gebracht. Aber aufgrund der engen Beitrags-Leistungsbindung können Niedrigverdiener nur sehr geringe Renten erwarten.

Welchen Stellenwert hat in den OECD-Ländern aktuell die Eigeninitiative bei der Altersvorsorge?

Queisser: Um die Eigeninitiative und die Verbreitung freiwilliger privater Renten zu erhöhen, haben Großbritannien, Neuseeland und Chile sogenannte „opt-out“ Modelle eingeführt. Danach sind Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet, ihre Beschäftigten automatisch in ein privates Alterssicherungssystem einzuschreiben. Sollten die Arbeitnehmer nicht teilnehmen wollen, können sie die Teilnahme jedoch kündigen. Andere Länder, in denen private Renten aufgrund begrenzter öffentlicher Systeme eine wichtige Rolle spielen, wie beispielsweise Irland, überlegen deshalb, ähnliche Regelungen einzuführen.

Reichen Bildung und Vorwissen der Berufstätigen für eine selbstverantwortete Altersvorsorge aus?

Queisser: OECD-Studien zeigen sowohl bei Erwachsenen als auch bei Jugendlichen große Defizite im finanziellen Wissen. Jeder Einzelne sollte so früh wie möglich über sein zukünftiges Alterseinkommen nachdenken und dementsprechend Vorsorge treffen. Informationskampagnen über Notwendigkeit und Optionen der individuellen Altersvorsorge sowie Aufklärung über finanzielle Risiken sind daher besonders für jüngere Altersgruppen von zentraler Bedeutung.

Monika Queisser

Texte und Grafiken zum Download

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Die Jugendstudie 2016 im Buchhandel

Jugendstudie 2013

Jugendstudie 2010